Nächster Halt: Dunwich

44412141954_328d92dacd_b

Die Straße zum Spukschloss war gesperrt. Profanere Gemüter könnten annehmen, dass die alte Piste (ausgeschildert das selbsternannte schönste Dorf der Ardennen: Celles) einfach einen längst fälligen neuen Straßenbelag erhielt. Weniger geradlinige Geister erinnerten sich wohl eher an Chateau Noisy (aka Miranda) und sein unseliges Schicksal, das über diese Route in vielleicht 20 Minuten erreichbar gewesen war, zumindest die Zäune und Mauern, die das riesige Grundstück umgaben, bevor Abrissbirnen dieser unglaublichen Inkarnation von Manderley, Sehnsuchtsort aller Urbexer, ein Ende setzten. Jene von uns jedoch, in deren frühen Jahren im Hinblick auf Literatur- und Kinoinitiation einiges schief gelaufen sein muss, werden sich beim Anblick des Nebels, der alten Mauern, der ins Nichts führenden Straße und des letzten kleinen Supermarkts am Rande des Tals eher an jene unzugänglichen Gegenden erinnert fühlen, in denen Wilbur Whateley wandelte (oder besser: watschelte?). Ein Weg tief ins Hinterland von Arkham, mit Namen wie Dunwich oder Innsmouth auf Straßenschildern, die man nicht wirklich ansehen mag, noch weniger riechen. Es sei denn, man steht auf kalte Bouillabaisse, wobei Bouillon hier ja besser passen würde.

Nicht dass dies jemand falsch versteht. Ich liebe dieses Land. Ich liebe Belgien wegen all seiner kulinarischen und kulturellen Vorzüge und Eigenheiten, die es so unverwechselbar in Europa machen. Wo sonst gibt es Sauce Andalouse und St. Feuillien Grand Cru, wo die beste Schokolade, die besten Fritten, die besten Waffeln und das beste Bier der Welt? Eben, in Belgien. Neben weltweit bekannten Kulturmetropolen gibt es dort aber auch Dinge, die bei uns im irgendwie sterileren Deutschland seltener geworden sind. Meine Güte, wie gerne würde ich jetzt schon wieder die gepflegten Straßen Nordbadens mit ihren pseudo-modernistischen, an alles eh schon rare Historische gepappten Bausünden (siehe auch Betonplatz in meinem Wahlheimatdorf) gegen die Ziegel und den rauen Stein der Wallonie tauschen! Die Ardennen, Dinant, Lüttich, Namur – sie haben nicht nur mindestens ebenso so viel Geschichte erlebt, sie erzählen auch heute noch Geschichten und füttern zweifach in Rinderfett frittiert das kleine, hungrige Wesen namens Zirbeldrüse… verlängert durch mein Objektiv. In meiner Wahlheimat warte ich nun darauf, dass der Nebel die Wanderwegmarkierungen unkenntlich macht und die Eichen wie wankende Stumpfwesen aus Innsmouth erscheinen lässt, oder etwas Hässliches auf der Straße erscheint, das wenigstens attraktiv hässlich ist, nicht neubaugebiettauglich.

Und hier noch das an anderer Stelle fehlende Zitat, weil es so schön ist: „Wissen wäre fatal. Die Ungewissheit ist es, die uns reizt. Ein Nebel macht die Dinge wunderschön.“ –– Oscar Wilde

 

 

1 Kommentar

Kommentare sind geschlossen.